Förderung von früher Literalität auf der Schuleingangsstufe

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Redaktionsbeitrag | Ausgabe 1/2010

von Dieter Isler und Thérèse Thévenaz-Christen
In der Schweizer Bildungspolitik etabliert sich heute ein gemeinsamer Wille zur Harmonisierung der Schuleingangsstufe und zu ihrer Ausgestaltung als integrierter Teil der Volksschule. Die Organisationsformen, Sozialisations- und Bildungsziele und die Mittel zur ihrer Erreichung werden zurzeit noch diskutiert. Da zwischen den bisherigen Lösungen grosse Unterschiede bestehen – die lateinische Schweiz hat eher schulische Modelle (écoles enfantines) favorisiert, die Deutschschweiz eher den sozialpädagogisch ausgerichteten Kindergarten) – ist der Diskurs sehr engagiert und aktuell.
leseforum.ch nimmt diese Diskussion auf, um die neue Online-Plattform für Literalität einzuführen, und publiziert je einen deutschen und einen französischen Beitrag zu folgenden Fragen:


  1. Wie soll der Spracherwerb junger Kinder in einer Institution gefördert werden, die auf formalisiertes Lernen ausgerichtet ist?
  2. Welches sind die konzeptionellen Grundlagen dieser Sprachförderung?

Diese beiden Fragen verweisen auf zwei unterschiedliche Ebenen, die bei der Wahl didaktischer Massnahmen zu berücksichtigen sind :
Erstens müssen Lerngegenstände und Lernarrangements identifiziert werden, die für Gruppen und Klassen von 2- bis 6-jährigen Kindern geeignet sind, indem die Interaktionen von Kindern und Erwachsenen sowie die Wirkungen des didaktischen Handelns untersucht werden. In diesem Fall geht es um den Erwerb einer spezifischen mündlichen Sprache, die stärker formalisiert ist als dialogische Alltagssprache, im Kollektiv der Lerngruppe verwendet wird und damit auch den Zugang zur Schriftsprache eröffnet.

Zweitens geht es darum, die Konzepte und die ihnen zugrunde liegenden Annahmen zu klären, die für die Auswahl der didaktischen Gegenstände und Arrangements sowie für deren Umsetzung leitend sind. Untersuchungen zur Sprachentwicklung der Kinder können Hinweise auf ihre sprachlichen Fähigkeiten geben und erlauben es, das didaktische Handeln zu optimieren. Diese zumeist psycholinguistisch oder didaktisch ausgerichteten Untersuchungen berücksichtigen aber die Bedingungen der institutionellen Kontexte und die an der Interaktion beteiligten Erwachsenen in unterschiedlichem Mass, so dass diese Einflüsse auf den Sprachgebrauch und den Spracherwerb der Kinder nicht immer mit einbezogen werden.

Die Explizierung der Konzepte und Grundannahmen ist auch im Hinblick auf die Entwicklung, Verbreitung und Anwendung von Unterrichtsmodellen und –hilfen von grosser Bedeutung. Insbesondere wird es dadurch möglich, die erforderlichen Bedingungen für die Einführung neuer Unterrichtsformen vorgängig zu klären.
Die thematischen Beiträge dieser Nummer beruhen beide auf Untersuchungen in altersgemischten Klassen: Der eine bezieht sich auf Grund- und Basisstufenklassen mit 4- bis 7- bzw. 4- bis 8-jährigen Kindern in den Kantonen Zürich und Aargau, der andere auf eine Klasse von Kleinkindern (école maternelle) in Frankreich mit 2- bis 5-jährigen Kindern. Zudem werden in beiden Studien Entwicklungen längsschnittlich untersucht. Im Übrigen sind die Studien sehr unterschiedlich angelegt.

Mireille Froment untersucht in Ihrem Aufsatz die Frage, inwiefern die Förderung mündlicher Sprachfähigkeiten in der Vorschule den schulischen Schriftspracherwerb vorbereiten und begünstigen könnte. Ausgehend von Beobachtungen, die sie im Verlauf eines Schuljahres in einer Klasse der école maternelle durchgeführt hatte, entwickelt sie ein theoretisch breit abgestütztes Rahmenmodell für sprachliche Erwerbsprozesse in (vor-)schulischen Kontexten. In ihrer Argumentation steht nicht die Vermittlung sprachlicher Codes im Zentrum, sondern die Erfahrung der Komplexität von Diskursen (im Sinne von musterhaften gemeinsamen Verständigungsprozessen) und der damit verbundenen Gestaltungsmöglichkeiten. Diese Erfahrung bildet die Basis für die Ausdifferenzierung zunehmend komplexer sprachlicher Handlungsfähigkeiten, wie sie für schul- und schriftsprachliche Genres benötigt werden.

Hansjakob Schneider, Andrea Bertschi-Kaufmann, Britta Juska-Bacher und Nora Knechtel berichten in ihrem Beitrag über ein laufendes Forschungsprojekt in vierzehn Klassen der Grund- bzw. Basisstufe. Sie untersuchen die Förderpraxis der Lehrpersonen, die Kompetenz- und Motivationsentwicklung der Kinder sowie allfällige Zusammenhänge zwischen den familiären und schulischen Bedingungen und Entwicklungsverläufen. Theoretisch stützen sie sich primär auf psychologische Modelle der Lesekompetenz und Lesemotivation. Erste Ergebnisse verweisen auf die grosse Leistungsheterogenität dieser altersdurchmischten Klassen und auf eine gute Selbsteinschätzung der Schülerinnen und Schüler im Lesen. Eher unerwartet konnten bisher keine Zusammenhänge zwischen familiären Bedingungen und Leistungen gefunden werden.

Diese beiden Studien veranschaulichen exemplarisch die stark divergenten Bildungs- und Forschungstraditionen des französischen bzw. deutschen Sprachraums. Die Deutschdidaktik befasst sich seit dem PISA-Schock schwerpunktmässig mit Kompetenzmodellen, Leistungsmessung und Bildungsstandards. Dabei wurden bisher vorwiegend szientifische, deduktive Zugänge gewählt und linguistische sowie psychologische Theorien verwendet. Die Französischdidaktik fokussierte dagegen stärker auf die Ausgestaltung von Lehr-Lernprozesse im Unterricht und ihre institutionellen Bedingungen. Konsequenterweise spielten dabei heuristische, induktive Forschungsmethoden und sozial- sowie kulturwissenschaftliche Theorien eine grössere Rolle.

Angesichts dieser Situation und im Hinblick auf eine landesweite Harmonisierung und Optimierung der Schuleingangsstufe plädieren wir für eine Intensivierung des sprachenübergreifenden Diskurses zum Thema der frühen Literalität. Die mehrsprachige Schweiz verfügt über besonders günstige Bedingungen dafür, und die Kinder und Lehrpersonen können davon nur profitieren. In unserem zweisprachigen Redaktionsteam zeigt sich immer wieder, dass die sprachenübergreifende Verständigung zwar sehr aufwändig ist, aber auch ein hohes Erkenntnispotenzial bietet.


Literale Förderung und Entwicklung von Kindern in der Schuleingangsstufe


Fokusartikel 1 | Ausgabe 1/2010
von Hansjakob Schneider, Andrea Bertschi-Kaufmann, Britta Juska-Bacher und Nora Knechtel
Eine Längsschnittstudie, durchgeführt vom Zentrum Lesen der Pädagogischen Hochschule FHNW, hat es sich zum Ziel gesetzt, anhand einer Stichprobe von 14 Grund- und Basisstufenklassen die didaktische Praxis in der Schuleingangsstufe und die Sprach- und Schriftentwicklung der Kinder näher zu beleuchten. Dabei sollen mögliche Bezüge zwischen literalen Entwicklungen der Schülerinnen und Schüler und spezifischen sozialen und unterrichtlichen Bedingungen näher untersucht werden. In einer Längsschnittstudie zeichnet das Projekt dazu die literale Entwicklung inklusive der Sozialisation in Elternhaus und Schule für 154 Schülerinnen und Schüler aus Grund- und Basisstufenklassen der Kantone Luzern, Zürich und Aargau nach.


Fokusartikel von Schneider et al.


Ein Sprachatelier in der Vorschulstufe - besonders geeignet für die Entwicklung des Sprachverhaltens


Fokusartikel 2 | Ausgabe 1/2010
von Mireille Froment

Die Analyse des Sprachateliers «Ploum» veranschaulicht das Potenzial einer Lernanlage, die besonders geeignet ist, die Entwicklung des mündlichen Sprachgebrauchs im Hinblick auf komplexere schul- und schriftsprachliche Fähigkeiten in einer Vorschulklasse zu fördern. Das Atelier wurde während eines ganzen Schuljahres durchgeführt und ermöglichte den Kindern eigenaktives Sprechen, den Umgang mit komplexer Sprache und die Ausbildung einer geteilten gegenstands- und sprachbezogenen Aufmerksamkeit. Diese längsschnittliche Fallstudie wurde in einer französischen Vorschulklasse mit Kindern zwischen 2.5 und 6 Jahren durchgeführt.
Fokusartikel von Froment



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