Interkulturelle Bibliotheken

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Lesung im Kannenfelder Park, Basel                               Photo: Maureen Senn-Carroll

Redaktionsbeitrag | Nummer 4/2010
von Francesca Micelli und Christine Tresch

Der Schriftsteller Jan Faktor, 1951 in Prag geboren, emigrierte Ende der Siebzigerjahre des letzten Jahrhunderts in die DDR. Er schreibt seither auf Deutsch. Vor einigen Jahren übersetzte er eine seiner Geschichten ins Tschechische. Sie wurde viel länger, nicht nur weil die tschechische Sprache komplizierter ist als die deutsche, auch, weil sich mit der Erstsprache Erinnerungen und Emotionen im Text einstellten, die sich dem Autor mit der deutschen Zweitsprache nicht eröffneten. Die wörtliche Rückübersetzung der tschechischen Geschichte ins Deutsche offenbarte diese emotionale Lücke zwischen Erst- und Zweitsprache eindringlich.
Faktors Erfahrung mit der Erst- und Zweitsprache sind ein literarischer Beleg dafür, wie wichtig es ist, dass Emigrantinnen und Emigranten nicht nur die Sprache lernen, die in ihrer neuen Umgebung gesprochen wird, sondern dass es ihnen auch möglich sein muss, ihre Erstsprache zu pflegen und Bücher und Zeitschriften in der Erstsprache zu lesen. Der Umgang mit der Erstsprache stärkt das Selbstbewusstsein und hilft beim Aufbau einer positiven Identität. Alle aktuellen (bildungs-)politischen Diskussionen, die mit dem Argument der raschen Integration vor allem auf den Zweitspracherwerb fokussieren, verkennen diese Tatsache. Integration, die das Gegenüber, seine Herkunft, sein Denken, seine Sprache nicht mitdenkt, kann nicht gelingen.
„Wer sich zu Hause und willkommen fühlt, ist auch bereit, etwas für dieses Zuhause zu tun“, sagte Helene Schär, die Präsidentin des Dachverbands Interkulturelle Bibliotheken, anlässlich der Verleihung des „Zurlauben Preises für Sprache und Buchkultur“ im Juni 2010 an den Verein Bücher ohne Grenzen Schweiz. Seit zirka zwanzig Jahren gibt es in der ganzen Schweiz Bibliotheken, in denen Integration täglich kooperativ erarbeitet wird, zu einem grossen Teil von ehrenamtlich arbeitenden Freiwilligen, von Schweizerinnen und eingewanderten Menschen aus der ganzen Welt. Diese mittlerweile zwanzig Interkulturellen Bibliotheken leisten Pionierarbeit. Hier finden Migrantinnen und Migranten Bücher in ihren Herkunftssprachen, die Bibliotheken sind Anlaufstelle, Aufenthaltsort, bieten Räume zum Mitgestalten und Zugänge zur alten und neuen Heimatkultur. Sie tragen mit ihrer vielfältigen Arbeit dazu bei, dass die Nutzerinnen und Nutzer sich wohl fühlen und dass ihre Herkunftskulturen respektiert und wertgeschätzt werden.
Diese Praxis der Interkulturellen Bibliotheken in der Schweiz steht im Zentrum der vierten Nummer von www.leseforum.ch. Ruth Fassbind erläutert in ihrem Beitrag, wie die Bibliothekslandschaft in der Schweiz die Bedürfnisse der multikulturellen Schweizer Gesellschaft aufnimmt. In einem zweiten Artikel diskutieren vier Mitarbeitende aus vier interkulturellen Bibliotheken über ihre Arbeit, den Alltag in den Interkulturellen Bibliotheken, Rahmenbedingungen und Entwicklungswünsche. In einem weiteren Schwerpunktbeitrag verdeutlicht Monica Prodon, Mitarbeiterin der ersten interkulturellen Bibliothek in Renens, welche Brücken-Funktionen interkulturelle Bibliotheken erfüllen. Und Helene Schär stellt in Ihrem Artikel den Dachverband der interkulturellen Bibliotheken „Interbiblio“ vor.

 


 

 

Bibliothekslandschaft Schweiz – interkulturell vernetzt!

 

von Ruth Fassbind
In einer Gesellschaft mit einem Anteil von 22 % Einwohnern ohne Schweizer Pass hat das öffentliche Bibliotheksnetz auch einen Auftrag im Bereich der interkulturellen Bibliotheksarbeit. Bibliotheken sollen mit entsprechenden Angeboten ausländische Bevölkerungskreise in der Schweiz willkommen heissen und Hilfestellung bei der Integration in die hiesige Gesellschaft leisten. Ruth Fassbind erläutert in ihrem Artikel die aktuelle Situation der interkulturellen Bibliotheksarbeit in der Schweiz.
Zum Fokusartikel 1

„Meine Sprache haben Sie noch nicht, warten Sie, ich schreib sie Ihnen gleich auf“

Interkulturelle Bibliotheksarbeit in der Praxis

Interview von Francesca Micelli
Das Interview mit vier Praktikerinnen der interkulturellen Bibliotheken in der Deutsch- und Westschweiz eröffnet einen Einblick in Wirkungsweise und Schwierigkeiten nicht öffentlich getragener interkultureller Bibliotheken.
Zum Fokusartikel 2

 

Besonderheiten einer interkulturellen Bibliothek aus der Sicht von Globlivres

 

von Monica Prodon
Ausgehend von der 22-jährigen praktischen Erfahrung von Globlivres in Renens thematisiert der Artikel vielfältigen Aspekte einer spezifisch interkulturellen Bibliothek. Er beschreibt die Rolle der interkulturellen Bibliothek als Ort der Anregung und Pflege gesellschaftlicher, kultureller, persönlicher und institutioneller Beziehungen.
Zum Fokusartikel 3

20 Jahre interkulturelle Bibliotheken Schweiz

von Helene Schär
Seit über 20 Jahren gibt es in der Schweiz interkulturelle Bibliotheken, die ihr Angebot ausrichten an Menschen mit Migrationserfahrung. Viele interkulturelle Bibliotheken sind als Vereine organisiert. Sie haben sich im Dachverband „Bücher ohne Grenzen Schweiz“, ab 2010 „Interbiblio“ zusammengeschlossen. In ihrem Artikel stellt Helene Schär die
Aufgaben des Dachverbandes vor.
Zum Fokusartikel 4
 



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