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Literalitätsförderung in vielsprachigen Schulen

Foto aus dem Lehrmittel "Pipapo. Deutsch für fremdsprachige Kinder und Jugendliche", mit freundlicher Genehmigung des Verlags "Schulverlag plus AG"

Redaktionsbeitrag | Nummer 3/2011
von Dieter Isler

Sprachliche und literale Fähigkeiten sind wichtige Voraussetzungen für Schul- und Berufserfolg. Es ist vielfach belegt, dass Kinder und Jugendliche mit Migrationshinter­grund in diesen Bereichen leistungsmässig oft hinter ihren Mitschülerinnen und Mitschülern zurückbleiben. Dabei ist allerdings zu beachten, dass Mehrsprachigkeit nicht an sich, sondern erst in Verbindung mit einem niedrigen sozio-ökonomischen Status der Herkunftsfamilie zum Bildungsrisiko wird. Die (Un-)Vertrautheit mit Literalität und - in Abhängigkeit davon - mit der schulischen Bildungssprache dürften dabei eine Schlüsselrolle spielen.
Diese Passungsproblematik zeigt sich verschärft, wenn die Institution Schule ­trotz veränderter gesellschaftlicher Realitäten weiterhin auf eine sprachlich und bildungskulturell homogene Schülerschaft ausgerichtet bleibt und Mehrsprachigkeit einseitig als Problem behandelt wird. Mehrsprachig aufwachsende Kinder verfügen über spezifische Ressourcen, die im schulischen Kontext bisher noch zu wenig wahrgenommen, wertgeschätzt und für die Förderung sprachlicher und literaler Fähigkeiten aller Schülerinnen und Schüler genutzt werden.
Schulen mit einem hohen Anteil an Schülerinnen und Schülern aus zugewanderten und sozial benachteiligten Familien  stehen bei der Förderung von Sprache und Literalität vor unterschiedlichen Aufgaben und Schwierigkeiten:

  1. Kinder und Jugendliche mit sehr geringen schulsprachlichen Kenntnissen benötigen unabhängig von ihrer sozialen Herkunft kurz- und mittelfristig eine systematische Sprachförderung, um sich rasch im schulischen Alltag zurechtzufinden. Dieser Bedarf ist grösser, wenn der Anteil fremdsprachiger MitschülerInnen hoch ist und damit die Bedingungen für den immersiven Erwerb der Schulsprache ungünstiger sind.
  2. Kinder und Jugendliche, die mit den schulischen Schrift- und Bildungspraktiken unvertraut sind, brauchen unabhängig von ihrer sprachlichen Herkunft breite und langfristig Unterstützung, um diese für das schulische Lernen notwendigen Ressourcen auf- und auszubauen. Wenn bildungskulturelle mit sprachlichen Differenzen zusammenkommen, müssen beide Unterstützungsformen kombiniert werden.
  3. Schliesslich haben Mehrsprachigkeit und kulturelle Vielfalt einen eigenständigen Bildungswert und ein zusätzliches Bildungspotenzial, das auf der Ebene der einzelnen Schülerinnen und Schüler, der Klasse und der Schule genutzt und gefördert werden sollte.

In den Fokusbeiträgen der Nummer 3/2011 von leseforum.ch werden die Aspekt zwei und drei dieser Liste thematisiert: Im Artikel von Claudia Schmellentin, Hansjakob Schneider und Claudia Hefti geht es zentral um die Frage, wie Schülerinnen und Schüler aus sozial benachteiligten Familien beim Erwerb der schulischen Bildungssprache und insbesondere des Textverstehens unter­stützt werden können. Die AutorInnen entwickeln in ihrem programmatischen Beitrag die Konturen und theoretischen Grundlagen einer immersiven, als Querschnittsaufgabe in die Sachfächer integrierten Förderung des Textverstehens. Sie veranschaulichen anhand von Textbeispielen aus der Sekundarstufe I die sprachlichen Schwierigkeiten fachtypischer Texte und entwerfen gemeinsame Handlungsansätze von Fach- und Sprachdiaktiken bei der Förderung  von schwächeren Leserinnen und Lesern.
Christiane Perregaux und Carole-Anne Deschoux diskutieren in ihrem Fokusbeitrag zunächst die Grundproblematik mehrsprachig aufwachsender Kinder in einer auf Einsprachigkeit ausgerich­teten Schule. Anschliessend beschreiben sie je spezifische Funktionen und Möglichkeiten der drei Bildungsträger Familie, Schule und Bibliothek. Die Autorinnen plädieren für eine stärkere Vernetzung dieser Felder und für ein Verständnis von Literalität, das Mündlichkeit und Schriftlichkeit, Familien- und Schulsprache, Ein- und Mehrsprachig­keit nicht als Gegensätze, sondern als Koordinatensystem vielfältiger literaler Praktiken und Fähigkeiten auffasst.  Diese Haltung veranschaulichen sie an drei praktischen Beispielen.
Vier weitere Artikel beleuchten das Thema "Literalitäts­förderung in vielsprachigen Schulen" aus weiteren, sich ergänzenden Perspektiven: Claudia Neugebauer konkretisiert in ihrem Praxisbeitrag Möglichkeiten zur Förderung des Textverstehens an zwei Unterrichtsbeispielen aus dem vierten und siebten Schuljahr. Ernst Apeltauer beschreibt die Konzeption des "Kieler Modells" zur Anbahnung von Literalität in einer türkischsprachigen Kindergartengruppe und die Erfahrungen mit diesem Ansatz. Basil Schader berichtet die Ergebnisse einer Studie zu den erstsprachlichen Erfahrungen und Fähigkeiten albanischsprachiger  Schülerinnen und Schüler in der Schweiz und skizziert Ansätze zur Stärkung von Biliteralität. Brigitte Anderegg und Therese Salzmann runden die Nummer mit einem Beitrag zu mehrsprachigen Bilderbüchern ab: Sie beschreiben spezifische Möglichkeiten und Grenzen dieses Medientyps, die aktuelle Marktsituation und ausgewählte Werke.
Die Förderung  textueller und bildungs­sprachlicher Fähigkeiten und der Einbezug der Ressourcen mehrsprachig aufwachsender Kinder sind zwei Handlungsfelder, die im Fachdiskurs zunehmend an Bedeutung gewinnen, in Bildungspolitik und Schulpraxis aber noch zu wenig Fuss gefasst haben. Die vorliegende Nummer von leseforum.ch soll dazu beitragen, diese Anliegen auf allen Ebenen voranzubringen.


Deutsch (als Zweitsprache) im Fachunterricht – am Beispiel Lesen

von Claudia Schmellentin, Hansjakob Schneider und Claudia Hefti
Die Diskrepanz zwischen den im Fachunterricht geforderten und den vorhandenen Sprachkompetenzen auf der Sekundarstufe ist verschiedentlich festgestellt worden. Sie zeigt sich verschärft bei Schülerinnen und Schülern aus sozial benachteiligten Familien, die zuhause nicht die Schulsprache sprechen. Welche Faktoren wirken auf diese Diskrepanz und welche Massnahmen sind zu treffen, um ihre Auswirkungen zu minimieren? Diesen Fragen wird in diesem Beitrag nachgegangen.

Zum Fokusartikel 1

Einsatz von mehrsprachigen Texten im Unterricht und darüber hinaus

von Anne-Carole Deschoux und Christiane Perregaux
Was wissen wir über den Erwerb von Schriftlichkeit bei zweisprachigen Schülerinnen und Schülern? Welche Rollen spielen ihre minoritären Erstsprachen in sozialen Kontexten, die de facto vielsprachig sind, organisatorisch und politisch aber als einsprachig behandelt werden? Wie lassen sich die Verbreitung sprachlicher Praktiken, Überlegungen bei der Sprachenwahl und Bedeutungen von Schriftlichkeit erfassen? Die AutorinnenCarole-Anne Deschoux und Christiane Perregaux diskutieren diese Fragen und schlagen Handlungsansätze an drei sozialen Orten der Vermittlung und Aneignung von Schriftlichkeit vor: in der Familie, in der Schule und in den Bibliotheken.

Zum Fokusartikel 2

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