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Lesekreise

Eine Institution des 18. Jahrhunderts in Paris: Der literarische Salon von Madame Geoffrin                        Bild von Anicet Charles Gabriel Lemonnier, Bildnachweis

Redaktionsbeitrag | Nummer 1/2013
Von Christine Tresch und Carole-Anne Deschoux

Auf der von den Nazis besetzten englischen Kanalinsel Guernsey trifft sich im zweiten Weltkrieg eine Gruppe von Leuten im „Literatur- und Kartoffelschalenauflauf-Club“ zum Gespräch über Werke der Weltliteratur. Die meisten dieser Leute haben vor dem Krieg kaum etwas anderes gelesen als die Bibel oder den Saatkalender. Jetzt, in dieser Zeit der Bedrohungen und Entbehrungen, finden sie im Leseclub eine Gemeinschaft, in der sie die Demütigungen durch die Besatzer und die Angst um das Schicksal all derer, die im Krieg sind, zumindest für eine Weile vergessen können. Die Clubmitglieder zaubern ihre vor den Deutschen versteckten Vorräte auf den Tisch. Und vor allem entdecken sie Bücher, die ihnen etwas bedeuten: von Sokrates-Schriften bis zu Emily Brontës „Sturmhöhe“. Literatur und Leben spielen zusammen und nähren sich gegenseitig. Das ist es, was dieser Leseclub in extremis erfährt.

Die amerikanische Autorin Mary Ann Shaffer erzählt in ihrem Bestsellerroman „The Guernsey Literary and Potato Peel Pie Society“ (deutsch: „Deine Juliet“; französisch: „Le cercle littéraire des amateurs d'épluchures de patates“) die Geschichte dieses Leseclubs. Das ist zwar eine Fiktion. Aber eine, die das Geheimnis von funktionierenden Leseclubs auf einnehmende und amüsante Weise schildert.

Die Geschichte der Lesekreise ist alt. Schon die griechische Dichterin Sappho veranstaltete Lesungen in angeregter Runde; in der Minnesang- und Troubadourkultur des Mittelalters fand diese Tradition genau so eine Fortsetzung wie an Italiens Renaissance-Höfen. Mit der Aufklärung entstanden in den europäischen Zentren erstmals kulturelle Aktivitäten ausserhalb von kirchlichen und politischen Strukturen. So fällt die Gründung des ersten Pariser Salons durch Catherine Marquise de Rambouillet 1610 mit der Entwicklung des städtischen Adels abseits des Hofes nach den Hugenottenkriegen zusammen. Die Marquise verkörperte den Inbegriff der Gesellschaftsdame: belesen, weitgereist, klug und schön. Über ihren Salon war es ihr möglich, gesellschaftlich mitzureden, etwas, was ihr auf politischer Ebene nicht zugestanden wurde. Sie protegierte Literaten und Künstler, ungeachtet ihrer sozialen Herkunft. Ihr „Hôtel de Rambouillet“ bildete den Anfang einer vielfältigen und reichhaltigen Pariser Salonkultur, die bis in die Mitte der Sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts ihre Fortsetzung fand und die meist in den Händen von gebildeten Frauen lag.

Im deutschsprachigen Raum entstanden die ersten Lesegesellschaften um 1720. Sie dienten anfänglich vor allem Akademikerkreisen zur Sicherung ihrer Stellung in der ständischen Gesellschaft und zum Austausch von Fachliteratur. Mit dem Wandel der Lesegewohnheiten – weg von der Mehrfachlektüre der Bibel, hin zu Einzellektüren von literarischen Werken, aber auch Zeitschriften und Populärwissenschaftlichem – wurden Lesegesellschaften aber auch für die bürgerliche Mittelschicht rasch zu einer attraktiven Form, sich weiterzubilden und den Austausch über Wissen und Lektüren zu pflegen, zumal Bücher noch sehr teuer waren. Diese Gesellschaften trugen wesentlich zur bürgerlichen Emanzipation bei.

Der Lesegesellschaften-Boom flachte im 19. Jahrhundert ab, als Bücher immer erschwinglicher wurden. Dazu kam, dass öffentliche Bibliotheken die Aufgabe der Lesegesellschaften übernahmen und die Tradition dieser bildungsbürgerlichen Zirkel oft bis heute weiterführen.
Heutige private Leseclubs verbindet mit den hier erwähnten historischen Lesekreisen die kollektive und multiperspektivische Rezeption. Menschen sitzen zusammen und diskutieren über beim Stillen-Lesen gemachte Lektüre-Erfahrungen. Dieser Austausch ermöglicht es, Gleichgesinnte kennen zu lernen, er kann Identität stiften und hat oft auch einen geselligen Anteil.

Die aktuelle Nummer der Online Plattform Leseforum fragt nach dem Stellenwert heutiger Lesekreise, ihrer Funktionsweise und nach Diskussionsmustern, die in diesen gepflegt werden. Sie schildert Leseclub-Alltag in der Schule, in privaten und öffentlichen Räumen.
Was verbindet diese Projekte? Verfolgen sie dieselben Ziele? Welche Begegnungen werden in ihnen befördert? Inwiefern wird in ihnen auch der soziale Austausch gepflegt, wie entwickeln sie sich?

Thomas Böhm, Programmleiter des internationalen literaturfestivals berlin und Lesekreis-Profi, liefert mit seinem Beitrag eine Handreichung für alle, die einen Lesekreis ins Leben rufen wollen.
Julia Lajta-Novak, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Anglistik und Amerikanistik der Universität Wien, setzt sich mit der Lesekreis-Bewegung in Grossbritannien auseinander. Dort kommt dieser Form des Gesprächs über Literatur eine gesellschaftlich ungleich wichtigere Rolle zu als auf dem Kontinent.
Cyrilla Gadient von Baobab Books berichtet aus der Arbeit der Lesegruppen, die die Auswahl der Bücher für „Fremde Welten“ besorgt, eine Broschüre, die Kinder- und Jugendbücher vorstellt, die Einblicke in fremde Kulturen und Religionen geben und Möglichkeiten, aber auch Konflikte, des interkulturellen Zusammenlebens thematisieren.
Die Autorin Francine Clavien schaut mit Einfühlungsvermögen auf die Lektüren ihrer Gedichte in verschiedenen Lesekreisen zurück. In poetischer Sprache erzählt sie von den Reaktionen der Zuhörerinnen und Zuhörer auf eines ihrer Gedichte, von Produktionsbedingungen und Rezeptionserfahrungen und damit auch von dem, was Sprache ausmacht.

Im schulischen Umfeld stehen Lesekreise für eine veränderte Unterrichtspraxis: Als Alternative zu berüchtigten Fragekatalogen zu Lektüren, um über Lektüreerfahrungen ins Gespräch zu kommen und Meinungen auszutauschen. Die Beiträge von Sonia Guillemin, Claude Burdet und Yves Renaud laden uns zu Klassenbesuchen ein.
Claude Burdet und Sonja Guillemin begleiten Lehrpersonen bei Recherche-Arbeiten im Klassenzimmer. Sie beschäftigen sich mit Strategien, die die Selbstwahrnehmung als Leserin, als Leser befördern. Diese Selbstkonzepte werden über das Lesen, Debattieren und Schreiben rund um Lesekreis-Erfahrungen unterstützt. Ein Video bietet Einblick in eine Leserunde im Klassenzimmer.
Yves Renaud schliesslich erläutert seine Erfahrungen an einer Berufsschule in Lausanne, wo die Schülerinnen und Schüler zur Lektüre eines so schwierigen „Klassikers“ wie „Die Träumereien eines einsam Schweifenden“ von J.J. Rousseau motiviert werden sollten. Durch den Einbezug des eigenen Schreibens konnte das Interesse für einen Text geweckt werden, von dem die Schülerinnen und Schüler dachten, er gehe sie nichts an.

In der Rubrik „Weitere Beiträge“ findet sich der Bericht über ein Forschungsprojekt aus Freiburg.  Die Autorinnen haben im Herbst 2010 bei 20 Kindergärtnerinnen und Kindergärtnern im Kanton Freiburg untersucht, wie sie ihre Methoden des Einstiegs ins Lesen erläutern. Untersucht wurden ihre pädagogischen Vorstellungen und die impliziten Theorien.

Lesekreise verbinden, sie fokussieren auf ein Thema, ein Buch, sie definieren eine Art des Redens. Sie bringen Bücher in Umlauf. Sie ermöglichen es allen Teilnehmenden, sich einzubringen über das Gelesene. Das ist eine Herausforderung.  Wie viel sind wir bereit von uns zu zeigen?
In dieser Ausgabe des Leseforums nimmt die Darstellung ausserschulischer Lesekreispraktiken einen grossen Raum ein. Vor allem die Einblicke in schulische Lesezirkel liessen sich vertiefen und Fragestellungen weiterverfolgen, die hier nur angedeutet werden. So bleibt Stoff für ein anderes Mal.

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Lesezirkel: ein Modell zur Förderung des Leseverständnisses und der Autonomie der Lesenden

Von Claude Burdet et Sonia Guillemin
Der Beitrag erläutert die Ergebnisse einer Untersuchung zur Förderung des Leseverstehens mit dem Modell des Lesezirkels, die im Kanton Waadt zwischen 2007 und 2009 in 5. und 6. Harmos-Klassen durchgeführt wurde. Aus der Perspektive der kognitiven Psychologie verdeutlicht die Untersuchung den Leseverstehens-Prozess von Schülerinnen und Schüler mit Hilfe von Lesestrategien. Der Artikel zeigt, wie individuelles Text-Verständnis mit Hilfe von Instrumenten erarbeitet wird, die im Rahmen expliziter Strategievermittlung erworben wurden, und er macht die wichtige Rolle des Austauschs im Rahmen  von Lesezirkeln klar. Diese Art der Leseförderung führt zu einem besseren globalen Verständnis des Textes, zu einer grösseren Autonomie der Lesenden, zu einem stärkeren persönlichen Engagement und zur Entwicklung von transversalen Fähigkeiten wie Zusammenarbeit, Kommunikation und Lernstrategien, die auch im  PER (plan d’études romand), dem neuen Lehrplan der französischsprachigen Schweiz als Lernziele vorgegeben werden.
Zum Fokusartikel 1

Zum Phänomen des Lesegruppenbooms in Grossbritannien

Von Julia Lajta-Novak und Jakob Lajta
In Grossbritannien existieren mehr als 50'000 Lesegruppen. Sie werden in Pubs, Bibliotheken, und Gefängnissen ebenso abgehalten wie im privaten Rahmen. Auch Radio und TV haben eigene Formate, die sich mit Lesegruppen auseinandersetzen. Der Boom der letzten 20 Jahre ist nicht zufällig zu Stande gekommen, sondern Resultat gezielter Massnahmen der britischen Regierung zur Förderung von LeserInnen.
Zum Fokusartikel 2

Eine unwahrscheinliche Lektüre

Von Francine Clavien
Bleibt ein und dasselbe Gedicht in verschiedenen Lesezirkeln und im Abstand von zwei Jahren gelesen und diskutiert wirklich noch dasselbe? Offensichtlich nicht, meint die Urheberin des Gedichts, Francine Clavien. Jedes Publikum braucht andere Zugänge zu einem lyrischen Text, da muss die Erzählerin in die Trickkiste greifen. Während das Gedicht sich nie dem anpasst, was man von ihm möchte.
Zum Fokusartikel 3

 

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