Literale Praktiken in familiären Kontexten

Foto: Dieter Isler                                                                                                                             Redaktionsbeitrag | Nummer 3/2013
Von Murielle Roth (übersetzt von Dieter Isler)

Schon in den 80er Jahren hat die Forschung gezeigt, dass Eltern ihre Kinder durch vielfältige Angebote im familiären Alltag beim Erwerb früher literaler Fähigkeiten unterstützen. Solche Aktivitäten werden seither unter dem Begriff «family literacy» zusammengefasst. 30 Jahre später ist über die Familie als Bildungsort für das frühe Lesen- und Schreibenlernen immer noch wenig bekannt (André 2007). Die vorliegende Nummer von leseforum.ch möchte dazu beitragen, die Forschung in diesem Feld weiter zu stärken.
Neben wissenschaftlichen Arbeiten werden aber auch «family literacy»-Programme vorgestellt: Sie sind darauf ausgerichtet, Eltern durch geeignete literale Praktiken bei der Anregung und Förderung ihrer Kinder zu unterstützen.
Beim Erwerb früher literaler Fähigkeiten spielen Schriftbegegnungen der Kinder im familiären Alltag eine wichtige Rolle. Die Eltern (und andere schriftkundige Bezugspersonen) können den Kindern in einem Enkulturationsprozess dabei helfen, allmählich mit der Welt der Schrift  vertraut zu werden und ihre Regeln immer besser zu verstehen (André 2007). Dabei sammeln die Kinder beim gemeinsamen Lesen und Schreiben mit Erwachsenen erste Erfahrungen, die sie später auch alleine nachvollziehen und so allmählich zu selbständigen LeserInnen und SchreiberInnen werden. Dieser Aneignungsprozess sichert und erweitert nicht nur ihr sprachliches Können und Wissen, sondern auch ihren affektiven Zugang zum Lesen und Schreiben (Grossmann 2006).
Literale Praktiken im familiären Alltag spielen für den Erwerb schriftbezogener Fähigkeiten eine zentrale Rolle – bereits lange vor dem Schuleintritt und weit über diesen hinaus. Familiäre Bildungsangebote können sich aber von Kind zu Kind stark unterscheiden und mehr oder weniger gut an jene der Schule anschlussfähig sein. Zudem sind Familie und Schule sehr unterschiedliche Bildungsorte mit je spezifischen Bedingungen und Potenzialen. Es geht deshalb darum, beide Lernwelten zu verbinden und in der Schule an die (unterschiedlichen) familiären Erfahrungen der Kinder anzuschliessen.

In dieser Nummer werden wissenschaftliche Studien und Praxisartikel vorgestellt, die sich mit literalen Praktiken in familiären Kontexten befassen und folgende Fragen bearbeiten:
Worin unterscheiden sich die familiären Praktiken von Kindern unterschiedlicher sozialer Herkunft?
Claudia Müller befasst sich mit den Zusammenhängen zwischen sozialer Herkunft, familiären Praktiken und dem Erwerb sprachlicher und literaler Fähigkeiten. Um sie genauer zu verstehen, untersucht die Autorin die Sprach- und Schriftaktivitäten in zwei Familien aus unterschiedlichen sozialen Milieus und vergleicht diese familiären Bildungsangebote mit dem Sprach- und Schriftwissen der beiden 4- und 5-jährigen Kinder. Auf dieser Grundlage skizziert sie Perspektiven für die Forschung und die praktische Unterstützung der Familien.

Wie können sozial benachteiligte Eltern darin gestärkt werden, das sprachliche Lernen ihre Kinder zu fördern?
In ihrem zweiten, gemeinsam mit Sabine Zeller verfassten Beitrag vergleicht Claudia Müller zunächst die sprach- und schriftbezogenenen Orientierungen und Wissensbestände der Eltern aus den beiden bereits vorgestellten Familien. Danach beschreibt sie Bildungsmassnahmen zur Unterstützung von Familien aus dem englischsprachigen Raum, deren Adaptionen im Rahmen verschiedener deutscher «family-literacy»-Programme und alternative Möglichkeiten zur Kooperation mit Eltern bei der Sprach- und Literalitätsförderung.

Wie wird das gemeinsame Lesen in familiären Kontexten ausgestaltet, und wie beeinflusst es die literalen Fähigkeiten der Kinder?
Anne-Marie Dionne stellt in ihrem Beitrag Forschungsarbeiten vor, die sich mit den Einflüssen des gemeinsamen Lesens auf den Erwerb sprachlicher und früher literaler Fähigkeiten befassen. Untersucht werden vor allem die Häufigkeiten des gemeinsamen Lesens, aber es werden auch affektive und emotionale Aspekte berücksichtigt. Die Autorin fokussiert im Folgenden auf den Zusammenhang zwischen der Beziehungsqualität und der Lesemotivation des Kindes. Sie zeigt, wie diese Faktoren zu einer Kettenreaktion führen, die die literalen Fähigkeiten des Kindes beeinflusst. Im letzten Teil ihres Beitrags beschreibt sie verschiedene Möglichkeiten, wie Eltern das gemeinsame Lesen mit ihren Kindern genussvoll ausgestalten können.

Wie können Leseanimationsprojekte zur literalen Förderung von Kindern aus Migrationsfamilien beitragen?
In diesem Beitrag geben Anne-Lise de Bosset und Mona Ditisheim am Beispiel einer Familie aus Sri Lanka Einblick in die Arbeit des Vereins zur Prävention von Illettrismus im Vorschulalter (französisch: Association PIP – Prévention de l'illettrisme au préscolaire). Die Leseanimatorinnen des Vereins zeigen den Eltern modellhaft, wie sie ihr Kind beim Geschichten Vorlesen oder beim Spielen mit Abzählreimen und Reimen mit der Welt der Schrift vertraut machen können. Bei dieser Form der Zusammenarbeit zwischen der Vorschule (französisch: école maternelle, für 5- und 6-jährige Kinder) und den Eltern geht es zentral darum, kreative und vergnügliche Zugänge zur Schrift zu eröffnen.
Therese Salzmann stellt mit «Schenk mir eine Geschichte» eines von drei Projekten vor, welche das Schweizerische Institut für Kinder- und Jugendmedien (SIKJM) entwickelt hat, um die familiären Bildungsangebote im Bereich der Literalität zu entwickeln. Unter der Anleitung einer Leseanimatorin erleben Vorschulkinder (im Alter von 2 bis 6 Jahren) zusammen mit ihren Eltern vielfältige Aktivitäten beim Betrachten von Bilderbüchern. Ziel ist es, die Eltern als ExpertInnen der literalen Förderung ihrer Kinder zu stärken, indem ihnen modellhaft gezeigt wird, wie sie ihre Kinder beim Entdecken der Schrift begleiten können. Auch in diesem Projekt werden die Familiensprachen der Kinder mit einbezogen und gefördert.
Reyhan Kuyumcu geht in ihrem Artikel der Frage nach, durch welche Faktoren die literalen Bildungsangebote von Familien mit Migrationshintergrund beeinflusst werden. In einer kontrastierenden Fallstudie, die auf neun Interviews mit türkisch-, arabisch- und kurdischsprachigen Familien in Deutschland beruht, vergleicht sie soziostrukturelle Rahmenbedingungen, orale und literale Praktiken der Familien, sprach- und schriftbezogene Orientierungen der Eltern sowie deren Einstellungen zu verschiedenen Bildungseinrichtungen. Dabei zeigt sich, dass neben Faktoren wie Einkommen und Bildungsniveau auch Merkmale der Herkunftskulturen (z.B. die unterschiedlichen Funktionen der mündlichen und schriftlichen Sprache, die Bedeutung von Autonomie als Bildungsziel oder die Zuständigkeiten von Schule und Familie) auf die literalen Praktiken der Familien einwirken.

Die Beiträge dieser Nummer beleuchten einige wichtige Aspekte literaler Praktiken in familiären Kontexten: Das gemeinsame Lesen oder Betrachten von Bilderbüchern wird von verschiedenen Autorinnen thematisiert und verweist auf die zentrale Bedeutung der Eltern für den Erwerb früher literaler Fähigkeiten. Auch das positive Erlebnis des Lesens als eine vergnügliche und unterhaltende gemeinsame Aktivität wird in mehreren Beiträgen hervorgehoben. Es ist wichtig, dass sich die Eltern dieses Zusammenhangs bewusst sind: Lese- und Schreibaktivitäten mit ihren Kindern sollten Spass machen, und dazu ist ein angenehmes Klima notwendig. Dieses Bewusstsein stellt sich allerdings nicht von selbst ein, und insbesondere sozial benachteiligte Eltern können durch Animationsprogramme und in der Zusammenarbeit mit der Schule darin bestärkt werden, solche literalen Praktiken zu pflegen. Die Entwicklung solcher Programme und Kooperationen steckt allerdings noch in den Kinderschuhen und sollte durch Forschung stärker begleitet werden – vielleicht ein Thema für eine zukünftige Nummer von leseforum.ch.

Wie immer wird auch diese Nummer durch weitere Artikel ergänzt, die sich nicht unmittelbar auf das Thema der literalen Praktiken in familiären Kontexten beziehen. Auch diese Beiträge sollen hier noch kurz vorgestellt werden:
Astrid Schmidt berichtet in ihrem Beitrag von einen Projekt zur Sprachförderung von 4- bis 6-jährigen Kindern in deutschen Kindergärten. Auf der Grundlage von Forschungsergebnissen zu den sprachlichen Fähigkeiten der Kinder beim Erzählen und im Rollenspiel wurde ein Programm zur Förderung dieser beiden Sprachhandlungen entwickelt, in zwei Kindergärten implementiert und evaluiert. Dabei erwies sich das «Geschichtenbuch» als ausgesprochen wirksam für die Förderung des Erzählens: In diesem Setting erfinden die Kinder gemeinsam eigene Geschichten, die von der Pädagogin in einem grossen, attraktiv gestalteten Buch laufend aufgeschrieben werden. Die Kinder können so die Verschriftlichung ihrer Geschichte mitverfolgen und beim wiederholten Vorlesen an ihrem gemeinsamen Text feilen. Der Beitrag unterstreicht das Potenzial des Aufschreibens diktierter Kindertexte, auf welches schon Merklinger (in der Nr. 2/2010 von leseforum.ch) und Thévenaz-Christen (in der Nummer 2/2012) hingewiesen haben.
Der Beitrag von Anne Soussi und Jacqueline Lurin basiert auf einer dreijährigen Längsschnittstudie zur Entwicklung literaler Fähigkeiten von 60 Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I. Die Autorinnen fokussieren die ausserschulischen (auch, aber nicht nur familiären) Lese- und Schreibpraktiken von Jugendlichen, die in den kantonalen Vergleichsarbeiten besonders schwache Leistungen gezeigt haben. Sie belegen Zusammenhänge zwischen den literalen Praktiken und Fähigkeiten dieser Schülerinnen und Schüler. Dabei zeigen sich im Längsschnitt nur geringe Variationen der ausserschulischen Praktiken und rückläufige Tendenzen für einzelne unter ihnen. Der Zusammenhang zwischen den literalen Praktiken und Fähigkeiten ist am Ende der obligatorischen Schulzeit (im 11.) Schuljahr am stärksten.

Die Redaktion von leseforum.ch wünscht eine anregende Lektüre!

Literatur
André, Ch. (2007). Un lieu d'apprentissage de la lecture sous-estimé : la famille. In J.-P. Gate & Ch. Gaux (dirs), Lire-écrire : de l'enfance à l'âge adulte : genèse des compétences, pratiques éducatives, impacts sur l'insertion professionnelle (pp. 123-136). Rennes : Presses universitaires de Rennes (PUR)
Dionne, A.-M. (2011). Pour une évaluation holistique de la littératie familiale : les pratiques de littératie familiale favorisant l'apprentissage de la lecture chez l'enfant. Caractères, 41, 41-47
Grossmann, F. (2006). Logiques sociales et clivages culturels dans les lectures partagées. In C. Frier (dir.), Passeurs de lectures : lire ensemble à la maison et à l'école (pp 19-43). Paris : Retz
Hayden, R. & Sanders, M. (2003). La littératie familiale, une expérience canadienne. In A. Gilles (éd.), De l'illetrisme aujourd'hui : apports de la recherche à la compréhension et à l'action : actes du colloque des 26 et 27 octobre 2000. Reims : CRDP de Champagne-Ardenne
Michaudet, P. (2006). Rapport à l'écrit et lectures partagées en milieu francophone. In C. Frier (dir.), Passeurs de lectures : lire ensemble à la maison et à l'école (pp. 98-134). Paris : Retz
Prêteur, Y. & Sublet, F. (1990). Image de soi et acquisition de la lecture chez les enfants de 4 ans : relations avec les conceptions éducatives familiales vis-à-vis de l'écrit : colloque international, Toulouse-II, 07-09 juin 1990. Toulouse : Université

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Familiale Sprachsozialisation und schriftsprachliches Lernen im Vorschulalter: Bedingungen und Voraussetzungen

Abstract | von Claudia Müller
Die familiale Sprachsozialisation hat für das schriftsprachliche Lernen eine tiefgreifende Funktion. Sie gibt Kindern nicht nur die Möglichkeit, grundlegende Kommunikationsfähigkeiten auszubilden, sondern kann sie an Sprachpraktiken (z. B. Vorlesen von Bilderbüchern) teilhaben lassen, die für den Schriftspracherwerb eine wichtige Grundlage bilden. Jüngste Schulleistungsuntersuchungen weisen gleichwohl darauf hin, dass Kindern aus sozial nicht privilegierten Familien diese für den Schriftspracherwerb zentralen Spracherfahrungen weitgehend fehlen. Um diesem Zusammenhang näher auf den Grund zu gehen und Aufschluss über die Sprachpraxis von Familien unterschiedlicher sozialer Milieus zu erhalten, stellt der vorliegende Beitrag die Sprachlernbedingungen in zwei unterschiedlichen Familien kontrastiv dar und diskutiert diese in Bezug auf den kindlichen Schriftspracherwerb. Aus den Ergebnissen werden Schlussfolgerungen für Forschung und Praxis gezogen.
Zum Fokusartikel 1

Lesespass mit Kindern: in vielerlei Hinsicht wichtig für die Entwicklung von Literalität in der Familie

Abstract | von Anne-Marie Dionne
Der Beitrag befasst sich der Bedeutung des gemeinsamen Lesens in der Familie. Forschungsergebnisse zeigen, dass Lesen mit den Eltern oder anderen Familienmitgliedern ideal ist, um das Kind beim Entdecken der Schriftlichkeit zu begleiten – bereits im Vorschulalter und später, wenn es selber lesen lernt. Wir erläutern den Prozess des gemeinsamen Lesens, befassen uns mit den besonderen Herausforderungen während dieser Zeit erläutern die damit verbundenen affektiven und motivationalen Faktoren. Weiter zeigen wir einige sinnvolle Strategien, damit das gemeinsame Lesen mit dem Kind die Entwicklung seiner Literalität unterstützt, aber vor allem, damit Lesen zu einem angenehmen Erlebnis wird und Spass macht.
Zum Fokusartikel 2

«Mach meine Tochter schlau!» Literale Praktiken in türkisch-, arabisch- und kurdischsprachigen Familien

Abstract | von Reyhan Kuyumcu
Literale Sozialisations- und Bildungsprozesse in der Familie gelten als ausschlaggebende Voraussetzungen für die Bildungslaufbahn der Kinder. Diese Voraussetzungen sind in Deutschland eng mit der sozialen Herkunft und Migration verknüpft. Somit werden Eltern mit Migrationshintergrund in der aktuellen Forschungsdiskurs als entscheidend für die Schullaufbahn ihrer Kinder betrachtet.  Ein in der Literatur bereits diskutierter Problembereich in dieser Hinsicht ist, welche literalen Sozialisations- und Bildungsprozesse Bildungsinstitutionen von den Kindern erwarten, und wie sich diese Prozesse tatsächlich im häuslichen Umfeld ausgestalten. Für den Zugang zu Literalität im Rahmen der Migration spielen – außer der sozialen Herkunft – auch kulturelle und subkulturelle Faktoren eine Rolle. Die vorliegende qualitative Untersuchung von neun Fallbeispielen zu türkisch-, kurdisch- und arabischsprachigen Familien geht den Fragen nach, welche literalen Praktiken sich im häuslichen Umfeld von Familien mit Migrationsgeschichte beobachten lassen und was die Befragten mit den Begriffen Schrift, Sprechen, Lernen, Kindergarten, Schule sowie Nachmittagsbetreuung verbinden.
Zum Fokusartikel 3



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