Foto: imedias, Pädagogische Hochschule FHNW

Multimodalität

Thema der Nummer 1/2017
von Esther Wiesner und Glaís Sales Cordeiro

Materialität ist eine Grundvoraussetzung, um Sprache wahrzunehmen: Sei dies in Gesprächen oder Vorträgen, in Büchern oder als SMS. Sprache materialisiert sich hierbei anhand unterschiedlicher Modi – in Laut, Schrift, Gestik oder Bild etc. Und sie tritt anhand verschiedener Medien in Erscheinung – dem Körper als Medium, dem Buch, dem Tablet oder der Wandtafel etwa.
Sprechen, Schreiben, Hören und Lesen sind unter der Perspektive der Multimodalität nicht mehr so einfach als Vortraghalten, Aufsatzschreiben, Hörverständnis und Bücherlesen zu fassen. Sprachlernen bedeutet mehr und gestaltet sich weitaus komplexer; und dem sollte im Kontext von Bildung vermehrt Rechnung getragen werden.
Es ist nicht zuletzt die Digitalisierung, die mit zu diesem Fokuswechsel geführt hat, denn sie stellt die Dominanz der Verbalsprache im Zusammenhang mit zeitgenössischer Literalität in Frage: Die digitalen Medien verändern durch ihre Mobilität und Vernetztheit den Zugriff auf Wissen und den Umgang damit. Vor allem aber gehen neue Kommunikationspraxen mit ihnen einher. Bedeutungen werden nicht einzig oder vordergründig anhand von Sprache und Schrift, sondern auch über andere semiotische Modi wie Bilder und Filme, Animationen, Audiomaterial etc. vermittelt bzw. festgehalten und verstanden.
Mit dem Thema «Multimodalität» legt die aktuelle Nummer den Fokus auf die Materialität von Sprache in Interaktion und damit auf die verschiedenen Formen der Sinnproduktion. Unter diesem Blickwinkel befassen sich die vorliegenden Beiträge mit unterschiedlichen Fragen zu Sprache bzw. zu Sprach- und Literalitätslernen.

 

Kohärenzaufbau aus Text-Bild-Gefügen: Wissenserwerb mit schulischen Fachtexten

Abstract | Miriam Dittmar, Claudia Schmellentin, Eliane Gilg und Hansjakob
Schneider

Der vorliegenden Artikel beschäftigt sich mit der Gestaltung von Biologielehrmitteltexten als Text-Bild-Kombinationen und erörtert mögliche Gründe, warum Schülern und Schülerinnen der Kohärenzaufbau und das damit gekoppelte Verstehen der im Text und den Abbildungen vermittelten Wissenskonzepte oft nicht gelingt. Die diesbezüglichen schülerseitigen Verstehensschwierigkeiten basieren auf empirischen Daten aus Leseprozessbeobachtungen. Zudem werden Vorschläge gemacht, wie der Kohärenzaufbau und der damit verbundene Wissenserwerb mithilfe von Textgestaltungsprinzipien optimiert werden können. Diese in eine Textüberarbeitung eingeflossenen Prinzipien wurden in ihrer Wirksamkeit sowohl mit einer Interventionsstudie als auch mit qualitativen Daten aus Leseprozessbeobachtungen überprüft.

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Bedeutungen (ko-)konstruieren – Multimodalität als Ressource schulischen Sprachlernens

Abstract | Esther Wiesner
Der vorliegende Beitrag befasst sich mit der multimodalen Konzeption von Sprache und erörtert die Frage, wie Kinder sprachhandeln, wenn man Lernen multimodal angeht.
Im Unterricht muss den verschiedenen kommunikativen Voraussetzungen für das multimodale Herstellen von Bedeutungen Rechnung getragen werden. Denn entsprechend konzipierter Unterricht stellt grundsätzliche Ressourcen fürs Sprach- und Fachlernen bereit.
Im vorliegenden Beitrag wird aufgezeigt, wie durch die Betrachtung von Sprache in ihrer Multimodalität schulisches Sprachlernen reflektiert werden kann (Abschnitt 1). Da Sprache sozial in der Kommunikation emergiert, werden alsdann verschiedene kommunikative Bedingungen beleuchtet. Dabei geht es um direkte Kommunikation bzw. um Interaktion einerseits, andererseits um zerdehnte Kommunikation bzw. um Sprachhandeln über Raum-Zeit-Grenzen hinweg (Abschnitt 2). Beide Kommunikationssituationen sind schulisch von Bedeutung, denn Unterricht strebt sprachliche und mithin literale Kompetenz als prominentes Lernziel an. Daher wird erörtert, wie das Sprachlernen und damit das Ko-Konstruieren bzw. das Konstruieren von Bedeutungen in den beiden Kommunikationssituationen funktioniert. Weil Schriftlichkeit im Lauf der Schulzeit zunehmend wichtig wird, fokussiert Abschnitt 3 besonders auf die zerdehnte Kommunikation und damit auf die Literalität. Anschliessend wird der Frage nachgegangen, welche Rolle die Multimodalität für das Herstellen von Bedeutungen hat. Exemplarisch veranschaulicht wird dies für Kindergarten und Primarschule anhand der Intervention aus der explorativen Studie «myPad multimodal» (Abschnitt 4).

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Aspekte multimodaler Unterrichtskommunikation am Beispiel des Klassenrats – Partizipationsformen und ihre medialen und räumlichen Ausprägungen

Abstract | Nina Haldimann, Stefan Hauser, Nadine Nell-Tuor
Der Klassenrat gehört heute in vielen Schulhäusern und Schulklassen zu den etablierten schulischen Praktiken. Der vorliegende Beitrag präsentiert Beobachtungen, die im Rahmen einer explorativen Studie an sechs Klassenräten der Primarstufe gemacht wurden. Die multimodale Organisation des Klassenrats, zu der verschiedene Hilfsmittel, räumliche Konfigurationen sowie körperliche Ausdrucksmittel gehören, wird dabei unter einem interaktionslinguistischen Fokus betrachtet. Die Beobachtungen beschreiben verschiedene Partizipationsmöglichkeiten, die sich je nach multimodaler Ausrichtung des Klassenrats für die Beteiligten ergeben.

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Didaktisches Dispositiv für das Verständnis/die Produktion von multimodalen Hypertexten

Abstract | Nathalie Lemieux, Nathalie Lacelle, Jean-François Boutin
Die jüngsten technologischen Veränderungen bieten die Möglichkeit zu Interaktionen mit neuen Textformaten, was das Erlernen neuer Codes, Methoden und Sprachen erforderlich macht (Lacelle, Lebrun, Boutin, Richard & Martel, 2015). Die Texte/Hypertexte beinhalten neue Methoden der Aneignung und neue Text /Hypertextmerkmale und bedingen entsprechende Lese- und Schreibstrategien (Coiro, 2003, 2011), die wiederum Prozesse erforderlich machen, die sich selber gerade verändern (Leu et al., 2011). Im diesem Beitrag stellen wir ein didaktisches Dispositiv vor, welches das Ziel hat, multimodale Verständnis- und Produktionsstrategien der Schülerinnen und Schüler der Primarschule (9–10 Jahre) zu entwickeln. Es umfasst sechs multimodale Verständnis /Produktionsaktivitäten, die in drei Sequenzen eingeteilt sind (Comic, Film und Hypertext), wobei die Anforderungen der Aufgabe laufend komplexer werden. Das didaktische Dispositiv wurde auf der Grundlage einer provisorischen Kategorisierung gebildet, die nach einer Datenbankrecherche über wissenschaftliches Wissen, verbunden mit den Merkmalen der multimodalen Texte/Hypertexte und ihrem Lese- und Produktionsprozess, erarbeitet wurde. Der vorliegende Beitrag konzentriert sich auf den Ablauf einer Sequenz des didaktischen Dispositivs, d.h. das Lesen und Schreiben eines Hypertextdokuments und die entsprechenden multimodalen Kompetenzen.

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« Sinon vous allez pas voir » :
Vorbereitung einer Bilderbuchlektüre in einer Institution für Kleinkindererziehung

Abstract | Laurent Filliettaz und Marianne Zogmal
Dieser Beitrag befasst sich mit der praktischen Arbeit von Kleinkindererzieherinnen und fokussiert insbesondere auf ihre Zusammenarbeit in der frühkindlichen Bildung, wenn Kinder zur gemeinsamen Lektüre von Bilderbüchern angeregt werden sollen. Die interaktionale und multimodale Analyse von videografierten Praxisbeispielen in diesem Beitrag zeigt, dass es viel Vorbereitungsarbeit braucht, um die literalen Praktiken rund um das eigentliche Lesen von Bilderbüchern umzusetzen, was die Koordination  einer breiten Palette verbaler und nonverbaler semiotischer Ressourcen erfordert.

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Mehrsprachigkeit und Multimodalität: die Schwierigkeiten der Lehrpersonen beim Berufseinstieg in einem sprachlich heterogenen Kontext

Abstract | Ingrid de Saint-Georges, Véronique Garofalo und Dany Weyer
Die Zusammensetzung der Schulklassen in Europa wird vielfältiger. Diese Vielfalt verändert das Berufsbild der Lehrerinnen und Lehrer, bietet aber auch neue Entwicklungsmöglichkeiten. Der vorliegende Beitrag entwickelt die These, dass man mit der Nutzung von Instrumenten anfänglich unterschiedlicher Paradigmen – multimodalen Ansätzen aus der Sozialsemiotik und Arbeiten zur Mehrsprachigkeit aus der angewandten Linguistik – ein besseres Verständnis der Schwierigkeiten und Fragen gewinnt, die sich aus der Vielfalt der Klassen für die Lehrpersonen besonders bei ihrem Berufseinstieg ergeben. Ausgehend von der Analyse einer ersten Französischlektion in einer internationalen Klasse und einem dreisprachigen Unterrichtskontext unternimmt der Beitrag den Versuch einer ersten Verortung dieser Schwierigkeiten. Fünf Herausforderungen werden speziell erwähnt (die Differenzierung, das Erkennen der semiotischen Arbeit, die Evaluation, das Erkennen der Sprachrepertoires der Schülerinnen und Schüler und die sprachlichen Kompetenzen der Lehrpersonen). Die Verortung wird als notwendige Voraussetzung verstanden, um die Handlungsmöglichkeiten zur Unterstützung der Lehrpersonen in einem heterogenen sprachlichen Kontext breiter zu reflektieren.

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